Montag, 9. November 2009

Joyce Carol Oates: Blonde

Viele Bücher sind mit Erwartungen verbunden, manche sogar regelrecht überladen.
Kaum steht der Titel fest, das Buch bei Amazon unter meinen Empfehlungen, die erste Kurz-Rezension in einer Frauenzeitschrift, entsteht in meinem Kopf eine Vorstellung von dieser Geschichte. Ich nehme das Buch im Laden in die Hand, ich betrachte das Cover, ich lese die Zusammenfassung, den Klappentext, die kleine Biografie des Autors, die ersten Sätze - und meine Vorstellung sprintet voraus und schmückt diese eigene, völlig autarke Geschichte schamlos aus.

Die Geschichte in dem Buch ist dann immer ganz anders, meistens viel besser.
Auf dieses Buch trifft das nicht zu.

Bücher sind mit Erwartungen verbunden.
Erwartungen manchmal mit Enttäuschungen. Zu diesen zählt dieses Buch.

Mehr als acht Jahre bin ich um es herum geschlichen, habe es immer wieder gesehen, in der Buchhandlung, auf einer Bestseller-Liste, auf meinem Amazon-Wunschzettel. In diesem Sommer habe ich es endlich gekauft und an einem heißen Tag am See zum ersten Mal aufgeschlagen.

Ich erwartete das starke Porträt einer starken Frau, die ankämpfte gegen ihr Image als Sex-Objekt, als Hülle "Marilyn Monroe", die jeder benutzen konnte, wie er wollte. Ich erwartete das, weil Joyce Carol Oates eine feministische Autorin ist. Ich erwartete, dass sie Sympathie für diese Hauptfigur entwickelt, dass sie mir Marilyn Monroe zeigt, wie diese vielleicht gerne gewesen wäre oder sich gerne gesehen hätte oder wie sie sogar wirklich war. Die Möglichkeit dazu bestand, finde ich, denn ausdrücklich heißt das Buch "Roman" und nicht "Biografie".

Herausgekommen ist genau das Gegenteil: In Blonde erscheint Marilyn Monroe als blutleere Hülle, als willenlose Puppe, die alles mit sich machen lässt, die keine eigene Meinung hat und nicht weiß, wie sie sich verhalten soll, wenn es kein Drehbuch gibt. Eine, die immer Schauspielerin bleibt, eine schlechte noch dazu. Deren Zauber sich niemand erklären kann - auch das Buch schafft es nicht. Und je weiter ich mich Seite um Seite voran quäle, desto mehr habe ich den Eindruck, dass Joyce Carol Oates die Monroe nicht nur einfach nicht mag. Manchmal scheint sie sie sogar zu verachten.
Es gelingt ihr nicht, sich in ihre Hauptfigur hinein zu versetzen, ihre Gefühle und ihr Verhalten zu erklären. Viele lange Kapitel erzählt sie stattdessen aus einer Art Draufsicht, als würde sie einen Film nacherzählen, den sie gesehen, von dem sie aber nicht alles behalten hat. Dadurch entsteht immer wieder eine große Distanz, verstärkt dadurch, dass seitenlang nur von "the blond actress" die Rede ist, und zwar in jedem zweiten Satz. Das entfernt mich nicht nur von den Protagonisten, es nervt auch ungemein.

Etwa 100 Seiten vor dem Ende und nach vier Wochen gequälten Lesens, habe ich aufgegeben Man weiß ja, wie die Geschichte ausgeht.

Joyce Carol Oates war mutig - sie hat sich, als feministische Autorin, eine Figur ausgesucht, die im krassen Gegensatz zur Frauenbewegung steht. Ihr Ziel war, das vermute ich, diese Figur nachträglich in die Frauenbewegung aufzunehmen. Am Ende zu sagen: Seht her, sie sah aus wie unsere Feindin, aber sie war eine von uns. So hätte man Marilyn Monroe quasi post mortem vom Patriarchiat, vom Chauvinismus ihrer Zeit, vom "male gaze" befreit.

Das hat nicht funktioniert. Irgendwann wollte Oates, glaube ich, gar nicht mehr, dass die Monroe "eine von uns" wird. Weil sie einfach nicht die war, die wir uns wünschen, wenn wir uns ihre Geschichte ausdenken. 
Wenn sich unsere Vorstellung selbständig macht und alles neu erfindet.

Joyce Carol Oates. Blonde - A Novel. Harper Perennial, 2001. (Dt. Blond)

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