Freitag, 6. Februar 2009

Jodi Picoult: Beim Leben meiner Schwester

Jodi Picoult ist eine Meisterin: Ihre Bücher wirken an der Oberfläche immer ein bisschen banal, die Figuren ein bisschen zu glatt, die Dialoge ein bisschen sehr gestelzt. Das ist auch bei diesem Buch so, selbst wenn man wie hier von Beginn an weiß, dass das Thema das Banale, Glatte, Gestelzte bald aufrauen und dann brechen wird.

Die Fitzgeralds könnten eine Vorzeige-Familie sein, wie sie da in ihrer Neuengland-Idylle leben - der Vater starker, aber sensibler Feuerwehrmann. Die Mutter immer für die Kinder da. Zwei hübsche Töchter, ein Sohn. Doch die Indian-Summer-Kulisse spielt nur Idylle für ein Leben, das schon lange nicht mehr idyllisch ist. Das zweite Kind der Fitzgeralds, die Tochter Kate, erkrankt mit zwei Jahren an einer hochaggressiven Form von Leukämie. Um sie zu retten, zeugen die Fitzgeralds noch ein Kind, ein sogenanntes Designer-Baby, das genau zu Kate passt - mit den Stammzellen aus seiner Nabelschnur soll sie gerettet werden. Allein das Thema hätte schon gereicht für einen Roman, aber Picoult dreht es weiter und weiter, und plötzlich schlage ich nur atemlos die Seiten um.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, alle Figuren kommen zu Wort. Am eindringlichsten erzählt Anna, mittlerweile 13 Jahre alt, die seit sie denken kann für ihre (immer wieder kranke) Schwester Stammzellen spendet. Nur weil Anna da ist, kann Kate überleben. Und jetzt soll sie ihr eine Niere spenden, doch Anna will nicht mehr und nimmt sich einen Anwalt.
Dieses Buch macht es einem schwer, eine Seite zu beziehen, und das ist gut. Man gibt Anna recht, die endlich ein normales Leben führen will, und unter der Last, ständig als Lebensretterin verfügbar sein zu müssen, wahnsinnig leidet. Aber man versteht auch die Mutter, die alles tun will, um ihr Kind vor dem Tod zu retten, den Vater, der loslassen möchte, den Sohn, den alle immer vergessen. Wer meint, hier einen klaren Standpunkt beziehen zu können, hat vieles nicht verstanden.

Ich mag das Buch, weil es es einem nicht einfach macht und sich trotzdem aufregend liest. Außerdem gibt es als Subplot eine rührseelige, aber nette Liebesgeschichte, die mir wiederholt das Wasser in die Augen getrieben hat.

Die wahre Meisterleistung ist aber der Schluss - unvorhersehbar, überraschend, erschreckend. Ich war ehrlich aufgewühlt - und froh, dass ich danach in der Kneipe verabredet war und mich bei einem Guiness beruhigen konnte.

Großartiges Buch.

Jodi Picoult. Beim Leben meiner Schwester. Piper, 2007. (Engl. My Sister's Keeper, 2004)

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